Coronakrise
Abgesagt. Ausgebremst. Erledigt?


 
29.03.2020
 ► Eigentlich hatten wir alle etwas anderes vor, oder etwa nicht? Epedemie oder gar Pandemie stand vielleicht bei Zukunftsforschern im Drehbuch, nicht jedoch in unseren Terminkalendern. Jetzt aber sind wir mitten drin. Corona ist zum ernsthaften Problem für Gesellschaft und Wirtschaft avanciert und schränkt das öffentliche Leben auf das Mindeste ein. Das Jahr 2020 wird derzeit auf 2021 verschoben. Die kulturelle Welt hat geschlossen. Die der Technik auch! 

Von Klaus-Peter Nicolay

Die Fespa Digital 2020 wurde verschoben - aber der Veranstalter hat (ganz schön mutig) einen neuen Termin im Oktober dieses Jahres abermals in Madrid angesetzt. Die für Mai 2020 geplante Interpack wird dagegen dieses Jahr nicht stattfinden und auch die drupa 2020 ist wegen des Coronavirus auf den 20. bis 30. April 2021 verschoben worden. Unter den gegebenen Bedingungen konnte die Messe Düsseldorf gar keine bessere Entscheidung treffen.
Dass Absagen und Verschiebungen für Messen dieser Dimensionen ein Desaster sind, liegt auf der HandEs trifft aber auch die Aussteller, Besucher und all diejenigen, die im Hintergrund wirken und nunmehr keine Bühne und kein Auskommen mehr haben. Hotels können weder von leeren Zimmern, noch von Stornogebühren leben, Restaurants fallen in ein tiefes Loch, das Transportgewerbe lässt die LKW auf dem Hof, Messebauer bauen keine Stände und Druckereien drucken keine Broschüren und Schnellschüsse vor oder während der Messen.

Innovation lässt sich nicht verschieben

Verschoben ist nicht aufgehoben - sagt man wohl eher zur Aufmunterung. Nach einem Plan klingt das aber nicht. Schon weit vor den jetzt abgesagten Messen wurde viel Aufwand betrieben, Zeit investiert - und rückblickend Geld verbrannt. Alle Vorbereitungen sind Makulatur. Und (Gott bewahre) sollten die wirtschaftlichen Auswirkungen durch Corona so gravierend werden, wie im Moment zu befürchten ist, werden selbst die auf 2021 verschobenen Events möglicherweise nicht stattfinden - zumindest nicht in dem Rahmen, wie wir sie bisher kannten.
Doch die Produkte, die wir im März in Madrid, im Mai und Juni 2020 in Düsseldorf hätten sehen können, sind (so gut wie) fertig. Innovation findet mit oder ohne Messen statt und lässt sich auch nicht ohne Weiteres verschieben. Deshalb müssen die neuen Maschinen, die Systeme und Lösungen jetzt an den Mann, an die Frau und auf den Markt gebracht werden, um die in Gang gesetzte digitale Transformation der Druckindustrie nicht zu gefährden.
Aber was, wenn Druckereien und andere Dienstleister, die drucken, ihre geplanten Investitionen nun aus unternehmerischer Vorsicht oder finanzieller Not auf die lange Bank schieben? Es wäre verständlich. Aber dann wird sich der strukturelle Wandel in der Druckbranche samt ihrer Zulieferer unkontrolliert weiter beschleunigen - mit dramatischen Folgen, wie wir sie schon während und nach der Finanzkrise 2008 erlebt haben. Irgendwann später wird man es dann wieder Konsolidierung nennen.

Print ist systemrelevant

Schon jetzt ist Landauf-landab von eingebrochenen Umsätzen von 70% bis 80% zu hören - sowohl bei Verlagen, deren Anzeigenbuchungen auf ein Minimum geschrumpft sind, als auch bei Druckereien aller Art und Güte. Das lässt sich gar nicht gut an. Denn viele der vor allem kleineren Druckereien sind leicht verwundbar. Die finanzielle Abhängigkeit von großen und kleinen Werbetreibenden wird auch in dieser Krise wieder hart bestraft. Denn das Erste, woran in wirtschaftlich angespannten Zeiten gespart wird, sind Marketing und Werbung. Und damit auch an Print.
Druckereibetrieben ohne Laufkundschaft bleibt eine angeordnete Schließung zwar erspart, doch die Auftragslage lässt viele Betriebe nahezu komplett erlahmen. Dabei sollte die Politik die Druckereien nicht links liegen lassen. Denn sie drucken nicht nur Werbung, sondern Verpackungen (auch für Medikamente), Beipackzettel, Gebrauchsanweisungen, Formulare, Berichte, Plakate, Etiketten und vieles mehr, das den Menschen Orientierung gibt. Druckereien und Gedrucktes sind somit systemrelevant für unsere Gesellschaft.
Doch das Schlimme an der aktuellen Situation: Die Investion in eine Druckmaschine lässt sich vielleicht irgendwann einmal nachholen, stornierte Anzeigen oder der nicht gedruckte Flyer für die Pizzeria nicht. Das lässt sich auch nicht wieder aufholen.

Abschied vom normalen Alltag

Verändern sich gewohnte Abläufeist üblicherweise Plan B gefragt - in der Hoffnung, B könnte ein Ausweg aus einem möglichen Fiasko A sein. Doch das ist in der aktuellen Ausnahmesituation viel zu kurz gesprungen. Es geht nicht um die Alternative zwischen A oder B, sondern um den Abschied vom Alltag, wie wir ihn bisher kannten. Ganz abrupt, ganz radikal.
Der Terminkalender hat sich von brechend voll auf blanke Wochentage reduziert. Daraus entsteht ein ungewolltes Mehr an Zeit, das aber nur eingeschränkt genutzt werden kann. Geplante Projekte werden verschoben oder eingefroren, strikte Reisebeschränkungen machen aus Kundenbesuchen Online-Meetings, für Mitarbeiter wird Homeoffice angeordnet und aufgrund von Budgetkürzungen, Stornierungen sowie Umsatzeinbrüchen jagt eine Krisensitzung die nächste - Notfallpläne werden geschmiedet.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck

Gerade weil das öffentliche und wirtschaftliche Leben auf ein Minimum heruntergeschraubt ist, digitalisiert der Virus (indirekt) die Welt gerade in einem atemberaubenden Tempo. Von heute auf morgen ist Homeoffice kein Angebot mehr, sondern das Gebot der Stunde. Notebooks sind kaum noch erhältlich und die immense Zahl an Videokonferenzen und Rufumleitungen legen die Server der Telekommunikationsanbieter lahm. Jetzt heißt es nicht mehr "Besuchen Sie uns auf Messe X auf Stand Y in Halle Z", sondern "Besuchen Sie unser Webinar."
Doch der Coronavirus zeigt auch, wo Deutschland in Sachen Digitalisierung wirklich steht. Während die Wirtschaft von jetzt auf gleich den Modus Homeoffice anordnen konnte, zeigt sich im öffentlichen Sektor ein eher desolates Bild. Jetzt rächt sich, dass die Digitalisierung im Bildungswesen nur halbherzig vorangetrieben wurde: Digitaler Unterricht ist weitestgehend auf das Versenden von E-Mails beschränkt. Die Videosprechstunde beim Arzt bleibt eine Ausnahme und Bürgerbüros in den Rathäusern kommen über die digitale Bestellung von Wunschkennzeichen meist nicht hinaus.
Womit bewiesen sein dürfte, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern die Voraussetzung für ein gut funktionierendes gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben. Jetzt könnte der Urknall für E-Learning und für andere Plattformen stattfinden. Das alles erfordert allerdings ein schnelles Internet (nicht nur in Krisenzeiten). Deshalb muss der Ausbau, haben wir Corona erst einmal hinter uns gelassen, massiv und flächendeckend vorangetrieben werden.

Wird es anders? Und was wird anders?

Doch es tauchen auch noch andere Fragen auf. Was passiert mit den Trend-Veranstaltungen und Events? Wo werden die großen und kleinen Marken stattdessen für sich werben? Werden sie es überhaupt noch tun, wo und in welchem Umfang? Lässt sich die vor uns liegende Messe- und Event-arme Zeit mit alternativen Marketing- und Kommunikationsmaßnahmen kompensieren? Und vor allem: Wird die Welt nach Corona noch die gleiche sein wie zuvor?
Ich behaupte einmal, es wird sich bis dahin vieles verändert haben. Inzwischen hat der Wunsch "Bleiben Sie gesund" die üblichen freundlichen Grüße als Standardformel selbst in der Business-Kommunikation abgelöst. Das Virus wirkt als Katalysator für Innovation und Digitalisierung - und dieser unerwartete Schub wird vermutlich anhalten. Homeoffice ist kein Schreckgespenst mehr, Webinare und Videokonferenzen werden in Zukunft viele Reisen ersetzen.
Sind Messen damit erledigt? Die Veränderungen durch das Leben auf Distanz werden ganz sicher ihre Spuren hinterlassen und auch Auswirkungen auf Messen und Events haben - in welcher Form und Tragweite ist reine SpekulationAber der Wunsch nach persönlichem Netzwerken zwischen Anbietern und Anwendern, der Transfer von Wissen und die individuelle Kontaktpflege sind trotz aller digitalen Formate ungebrochen.

Angenommen, die Welt lernt ...

Trotz der aktuell prekären Situation ist Hoffnung vorhanden und der Glaube angebracht, dass es in der Zeit nach Corona ein Umdenken in vielen Bereichen geben wird. Angenommen, die Welt lernt durch und in der Krise dazu, kann sie gestärkt aus der Krise hervorgehen - das ist eines von vier Szenarien des Frankfurter Zukunftsinstituts. Demnach passen wir uns den Gegebenheiten besser an und sind flexibler im Umgang mit Veränderung. Unternehmen brauchen in einem solchen Umfeld neue Geschäftsmodelle, um unabhängiger vom Wachstum zu werden. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, ob es immer noch um immer mehr Profit gehen muss? Oder vielleicht doch um bessere, sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen für Kunden, Stakeholder und uns alle? Jahrelang wurde mehr Agilität und Mut zum Experimenten gefordert. Jetzt sind wir notgedrungen alle agil und zum Improvisieren verdammt. 


 

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